Heimat in der Zeit um 1 9 4 5 - neue Sonderausstellung im Heimatmuseum Oettingen

Heimatmuseum

Kaum ein Tag in der Corona-Berichterstattung, an dem nicht ein Vergleich mit 1945 gezogen wird. Was aber wirklich 1945 hier bei uns los war, wie und womit die Oettinger lebten und zurechtkommen mussten, das zeigt die neue Sonderausstellung des Heimatmuseums Oettingen.

 

Den Zeitumständen geschuldet, lässt das Heimatmuseum erstmals eine Sonderausstellung ohne die übliche gesellige Eröffnungsfeier ganz langsam angehen: Ab 13. Mai öffnet das Museum wieder seine Pforten, allerdings müssen mit Maskenpflicht und Personenzahl­begrenzung gewisse Einschränkungen hingenommen werden.

 

Das Zerbrechen aller Sicherheiten und das Sehnen nach „Heimat“ kennzeichnet die Zeit um 1945. Noch Anfang des Jahres war der einzelne umfassend in die national­sozialisti­schen Strukturen eingebettet: Der totale Krieg mit fast täglichen Alarmierungen, mit ständigen Opferaufrufen und immer stärkeren Einschränkungen prägte den Alltag.

 

„ ... ich mein, so wie die Flieger es jetzt treiben, so kann es doch nicht lang fortgehen. Vielleicht kommt doch im März der Friede und wir dürfen heim ... wär das schön!“ schrieb am 26. Februar 1945 Maria Hank ihrem Mann in München. Sie lebte seinerzeit schon über ein Jahr in Oettingen, wo sie mit ihren drei kleinen Söhnen Unterkunft bei Verwandten, dem Hausmeisterehepaar im Schloss, gefunden hatte. In Verbindung mit den ausgestellten  vielen Kleinigkeiten zeichnen Ihre Briefe ein anschauliches Bild.

Auch wenn der Oettinger Anzeiger noch zur Jahreswende 1944/45 „ungebrochenen Kampfgeist“ für das neue Jahr propagierte, sah die Realität anders aus. Nahezu tägliche Fliegeralarme und Beschießungen durch Tiefflieger ließen nur Hoffnung auf das Überleben und Sorge um Angehörige zu. Man bangte um „Lebenszeichen“ von Verwandten und Freunden (es gab eigens Postkarten dafür), fürchtete die Nachricht „vermisst seit ...“ oder den Vermerk „Gefallen für Großdeutschland“.

 

Das gesamte Leben stand unter dem Eindruck des Kriegs. Lebensmittel waren kontingentiert und bewirtschaftet, Materialien und Rohstoffe Mangelware. Unter Hinweis auf den Endsieg verlangten Aufrufe zum Sammeln, Sparen und Schonen der Bevölkerung laufend weitere Einschränkungen ab.

 

Eindrucksvoll sind die Fotos von den Zerstörungen in der Stadt. Am 23. Februar 1945 wurde Oettingen Ziel eines Bombenangriffs, wegen seiner Verkehrslage (Eisenbahn, Brücke) als „Ausweichziel“ gewählt. Rund 200 Personen starben. Zwei Tage nach dem Bombenangriff nahm der Oettinger Fotograf Josef Fischer seine Kleinbildkamera, eine Leica, die er zum ersten Mal in Einsatz brachte, und dokumentierte die Schäden.

 

Große Geschichte lässt sich in der neuen Sonderausstellung im Heimatmuseum Oettingen im Kleinen nachvollziehen. Viele Aspekte des Alltagslebens sind aufgegriffen, Zwangsbewirtschaftung, Sparen und Sammeln, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, Luftschutz, Militärregierung und demokratischer Neubeginn bis hin zum Eintreffen der Vertriebenen im Flüchtlingslager Heuberg.

 

Im April 1945, die Trümmer waren nur teilweise beseitigt, war der Krieg in Oettingen zu Ende, amerikanische Soldaten fuhren in die Stadt ein. Sie ernannten den Orgelfabrikanten Hans Steinmeyer (mit einer Amerikanerin verheiratet) zum kommissarischen Bürgermeister. Einige Tage später übernahm Hermann Lutz, der vor der NS-Zeit bereits im Bayerischen Landtag gewesen war, dieses Amt. Die „neue“ Ordnung wurde von der Militärregierung organisiert. An vorderster Stelle standen die Erfassung und Registrierung der Bevölkerung, die Entnazifizierung und vor allem die Verwaltung des Mangels sowie die Bewältigung der Wohnungsprobleme.

 

Für Evakuierte und Ausgebombte mussten Unterkünfte her, zusätzlich kamen Flüchtlinge und Vertriebene. Der ehemalige Flugplatz in Heuberg wurde zum Durchgangslager für über 30000 Menschen, die von hier aus sie auf die umliegenden Rieser Gemeinden verteilt wurden. Die amtliche „Wohnraum­bewirtschaftung“ machte große Probleme. Allein in Oettingen mussten 1946 zusätzlich 1000 Flüchtlinge und 350 Evakuierte untergebracht werden! Sie alle brauchten ein Dach über dem Kopf, einen Stuhl, ein Bett, Geschirr...

 

Wie erfinderisch die Not machte, zeigt manch eine Kuriosität. Die Umnutzung von militärischem Gerät zu Töpfen, Jaucheschöpfern oder Ziergegenständen ist nur ein Beispiel. Geschirrstücke aus Militärbestand mit Hakenkreuz auf der Unterseite, die an die Ausgebombten als erste Ausstattung verteilt wurden zeugen von manch einem Notbehelf. 

 

 

Heimat in der Zeit um 1945

 

neue Ausstellung  - zu sehen ab 13. Mai – unter der Lage angepassten Bedingungen: Abstand, Maske und Besucherzahlbegrenzung

 

 

Heimatmuseum Oettingen – Hofgasse 14 – 86732 Oettingen i. Bay.

Tel. 09082/2315 / Fax 09082/2316

Öffnungszeiten: Mi – So (sowie Feiertage) 14 – 17 Uhr – Führungen nach Voranmeldung

 

Infos unter www.heimatmuseum-oettingen.de

 

drucken nach oben